Ist der japanische Fastfood “Sushi” das Aus für die Thunfisch-Populationen?

Thunfische sind im Allgemeinen grosse, schnelle und elegante Fische. Sie können bis zu zwei Meter lang und 700 kg schwer werden. Dank der sichelförmigen Schwanzflosse erreichen sie eine Geschwindigkeit von bis zu 90km/Std. Sie legen bei der Nahrungssuche enorme Distanzen zurück. Der Thunfisch mit seinem stahlblauen Rücken und den silbergrauen Flanken ist unbestritten ein Könige der Meere. Er ist ein Warmblüter wie der Mensch. Weil er seine Körpertemperatur regulieren kann, ist er in der Lage, ganze Ozeane zu durchschwimmen. Pro Jahr legt er Tausende von Kilometern zurück und er kann unter ganz unterschiedlichen Bedingungen überleben. Was er jedoch nicht überlebt, sind die zerstörerischen Praktiken der Fischereiindustrie.Der Blauflossenthunfisch war lange ein wichtiger Bestandteil der mediterranen Wirtschaft und Lebensart. Im antiken Rom gehörte das Fangen und Salzen von Thunfischen zu den beständigsten Wirtschaftszweigen des römischen Reichs. Heute wird fast der gesamte Fang aus dem Mittelmeer nach Japan exportiert. Riesige Gewinne heizen eine Industriefischerei an, die keine Rücksicht nimmt auf die Zukunft von Arten, deren Bestand auf eine kritische Grösse zusammengeschrumpft ist. Dadurch wird auch das Überleben der Thunfische bedroht und jenes von unzähligen Küstenfischern.

Das feste und fetthaltige Fleisch des Blauflossenthunfisches gilt als besondere Delikatesse für die Trendspeise Sushi. Die extrem hohe Nachfrage und die damit verbundene Überfischung haben aber dazu geführt, dass diese Thunfischart heute vom Aussterben bedroht ist.

Der Nabel der Sushi-Welt ist der Fischmarkt von Tokio, dessen wichtigstes Produkt der Thunfisch ist. Jeden Morgen ab fünf Uhr werden dort die Weltmarktpreise für die begehrte Delikatesse neu definiert. An durchschnittlichen Markttagen werden in Tokio etwa 3000 Thunische versteigert, an Spitzentagen bis zu 4000. Der Kult um den Thunfisch ist in Japan ungebremst. Am begehrtesten sind die fetten Stücke vom Unterbauch, da diese so viel Fett enthalten, dass es auf der Zunge schmilzt. Deshalb gilt: je fetter der Thunfisch, desto teurer.

Der Thunfisch hat einen erstaunlichen Imagewandel erfahren. Noch vor einer Generation galt er in den meisten Teilen der Welt als wertlos und wurde höchstens zu Tierfutter oder Dosenfisch verarbeitet. Ausgehend von Japan wo man den fetten Fisch schon seit den 1970er Jahren als Delikatesse schätzte, wurde ein weltweites Umdenken in Gang gesetzt. Der Preis, den die Atlantikfischer für das heute so gesuchte Tier erzielen, hat sich seit damals um 10’000 Prozent gesteigert. Um das Verlangen nach frischem Fisch zu stillen, sind die Japaner bereit, beinahe jeden Preis zu bezahlen. Seit der Sushi-Boom auch Amerika, Europa und neuerdings China erreicht hat, ist die Nachfrage kaum noch zu befriedigen. Das traurige Resultat: Begehrte Fische wie der Blauflossenthun sind heute völlig überfischt. Die eigenen Bestände haben die Japaner fast völlig ausgeschöpft. Deshalb stammen fast 100 Prozent der Thunfische auf dem Japanischen Markt aus dem Mittelmeer.

Im Mittelmeer liegt für den Blauflossenthunfisch der Schlüssel zum Überleben. Es stellt nämlich eine von nur zwei Brutstätten dieser Fischart, für die das Gebiet rund um die Balearen ein bedeutender Laichplatz  ist. Jedes Jahr kehren die Fische hierher zurück, um sich hier fortzupflanzen. Und jedes Jahr werden sie dabei von einer Flotte von Fischereischiffen verfolgt, die den Thunfisch während dieser wichtigen und empfindlichen Phase in seinem Lebenszyklus fangen wollen und dazu ganze Schwärme mit so genannten Ringwadennetzen einkreisen.

Eigentlich ist es schon schlimm genug, dass die Fische in ihrem Brutgebiet gejagt werden. Aber darüber hinaus fangen die Fischereiflotten viel grössere Mengen, als ihnen aufgrund der Fangquote gestattet ist. Viele der erbeuteten Tiere zu jung. Blauflossenthunfische erreichen erst mit 5 bis 8 Jahren ihre Geschlechtsreife. Jeder Fisch, der vorher gefangen wird, kann sich also nicht fortpflanzen und damit auch nicht dazu beitragen, dass die immer kleiner werdenden Bestände sich erholen.

Mit der Ausbreitung von Fischfarmen ist in den letzten Jahren eine neue Bedrohung hinzugekommen. Bei den Thunfischfarmen im Mittelmeer werden die zerstörerischen Auswirkungen von Aquakulturbetrieben mit den Folgen einer schlechten Fischbewirtschaftung kombiniert.

Um solche Farmen überhaupt einzurichten, müssen erst Thunfische in der Wildnis gefangen werden, wodurch ihre natürliche Population vermindert wird. Es gibt kaum Kontrollen darüber, wieviel Tiere in diese Farmen gelangen. Sie werden in Käfige verfrachtet und gemästet. Um ein Kilogramm Thunfisch zu produzieren, braucht es etwa 20 Kilogramm Fischfutter, was die Überfischung noch weiter antreibt. Das Mästen von Thunfischen erfordert so riesige Futtermengen, dass die im Mittelmeer gefangenen Fische dafür nicht mehr ausreichen. Deshalb werden Fische von ausserhalb des Mittelmeeres eingebracht, was die Gefahr in sich birgt, dass gleichzeitig auch Krankheiten für einheimische Fischbestände eingeschleppt werden. Durch die hohe Besatzdichte werden die Gewässer rund um diese Fischfarmen durch Futterabfälle und Exkremente verschmutzt

Für die Überwachung der Thunfischpopulationen im Atlantik und im Mittelmeer wäre eigentlich die Internationale Kommission für die Erhaltung der Thunfischbestände des Atlantiks (ICCAT) zuständig – eine international anerkannte Organisation, in der die EU sowie 41 andere Länder vertreten sind. Die letzte «wissenschaftliche Studie» über Blauflossenthunfisch wurde 2002 durchgeführt. Die Wissenschaftler verfügten dabei jedoch sehr wenige und ausserdem nicht gesicherte Daten, dass keine genaue Einschätzung der Lage möglich war. Der wissenschaftliche Ausschuss der ICCAT sprach aber davon, dass «grosse Mengen von zu kleinen Fischen gefangen und nicht gemeldet werden», und beklagte das «zunehmend ungenügende Meldeverhalten». In ihrer Schlussfolgerung wiesen die Forscher klar darauf hin, dass die Fischbestände mit den gegenwärtigen Fangmengen nicht gesichert werden können. Trotz dieser ernsten Bedenken von ihrem eigenen wissenschaftlichen Ausschuss hat die ICCAT es aber unterlassen, dringend notwendige Massnahmen zur Rettung des Blauflossenthunfisches einzuleiten. Die Quote im Osten – wozu auch das Mittelmeer gehört – blieb unverändert bei 32’000 Tonnen und liegt damit 23% über der Maximalquote, die einen weiteren Rückgang der Population verhindern würde oder gar eine Erholung der Bestände ermöglichen würde.

Es müssen endlich griffige Massnahmen zum Schutz dieser Tiere eingeleitet und durchgesetzt werden. Es braucht grossräumige Meeresschutzgebiete, um die Thunfische in ihren Brutstätten wie etwa rund um die Balearen zu schützen. Ein wirksames globales Netzwerk von Meeresschutzgebieten, könnte dazu beitragen, dass der Erholungsprozess beginnen kann. Ohne diese Massnahme ist das Überleben der Thunfische stark gefährdet.

Ausserdem braucht es an Bord der Thunfisch-Fangschiffe unabhängige Beobachter, welche die Fangmengen aufzeichnen und melden. Sie müssen sicherstellen, dass keine zu kleinen Fische gefangen werden und die Fangquote nicht überschritten wird. Es ist erwiesen, dass die Thunfisch-Industrie im Mittelmeer ohne eine solche Kontrolle die Regeln nicht einhält und die Art und Menge ihrer Fänge nicht wahrheitsgetreu meldet.

Schliesslich muss auch eine weitere Ausdehnung der Thunfischfarmen gestoppt werden, bis sich die Thunfisch-Population wieder erholt hat und verbindliche Richtlinien für die Fischerei festgelegt sind. Es gibt noch zu viele Schlupflöcher, die von der Industrie ausgenutzt werden, für die kurzfristige Gewinne wichtiger sind als das langfristige Überleben der Thunfische und auch die Zukunft der Fischerei selber.

Für den Schutz des Blauflossen-Thunfischs müssen aber noch striktere Massnahmen ergriffen werden. Monaco hat den Antrag gestellt, dass der Blauflossenthunfisch auf Anhang I des Artenschutzabkommens CITES gesetzt wrd. Die nächste CITES Artenschutzkonferenz findet im März 2010 in Doha, Katar statt. OceanCare begrüsst diesen Antrag sehr und wird sich bei den relevanten Regierungsstellen dafür einsetzen, dass der Antrag Monaco’s unterstützt wird und der Blauflossenthunfisch den höchsten Schutzstatus erhält.

Wie beim Klimaschutz empfiehlt OceanCare den Konsumenten aber schon zu handeln bevor die entsprechenden Gesetze in Kraft sind. Jeder einzelne kann zum Überleben der Blauflossenthunfische un anderer Thurnfischarten beitragen, indem er auf dessen Konsum ganz verzichtet.

Weiter zum Briefing des Species Survival Network zu dem auch OceanCare gehört.

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