Robbenjagd, eine Frage der Moral

Der Philosoph Wayne Sumner wendet eine Kosten-Nutzen Analyse an, um die Robbenjagd moralisch zu bewerten. Auf der kleinen Insel Hay ausserhalb der Küste des Cape Breton, sind zwei Dutzend Männer bereit, mit der von der Regierung erlaubten Jagd auf 2’220 junge Graurobben zu beginnen. Es ist die erste kommerzielle Jagd im Atlantik dieses Jahr. Mit ihr flammt auch die immer wiederkehrende leidenschaftliche Debatte über das Erschlagen von lieblichen Jungtieren auf. Die Propaganda bei Befürwortern und Gegnern der Jagd ist so aufgeheizt, dass Ethiker nun versuchen möglichst nüchtern und sachlich zu beurteilen, ob die Jagd moralisch vertretbar ist.

Für Wayne Sumner, Philosoph an der Universität von Toronto, ist nicht die Hauptfrage wie die Robben getötet werden, sondern vielmehr weshalb und ob die Kosten-Nutzen Analyse der vielen getöteten Tiere den minimalen Ansprüchen von Anstand entsprechen.

Wie sieht eine moralische Kosten-Nutzen Analyse für die Ausbeutung der Tiere aus?

Bei Blindenhunden zum Beispiel ergibt sich ein maximaler Nutzen für den Menschen zu minimalen Kosten für die Tiere. Beim Verwenden des Horns vom Nashörnern als Aphrodisiakum gibt es keinen oder nur einen sehr geringen Nutzen für die Menschen, aber sehr hohe Kosten für die Tiere.  In diesem Fall ist der minimale Anstand also nicht gewahrt.

Wie sieht der moralische Wert bei den Robben aus?
Die Fähigkeit Schmerz zu fühlen und die Intelligenz einer Art bestimmt den moralischen Wert. Der Wert von Primaten ist über anderen Säugern angesiedelt, derjenige von Wirbeltiere über den Wirbellosen. Robben sind gleich gestellt wie Hunde, Wölfe, Fischotter und Bären,  aber über den Kühen angesiedelt.

Das Kanadische Fischereidepartement betrachtet die Robben als natürlichen Ressourcen – wie Rohöl. Die Robbenjagd wird Fischerei genannt und damit die Robben moralisch auf die Stufe von Fischen gestellt. So wird bei der Jagd auf 300’000 Robben von Ernte geredet, grad so wie wenn es sich um Weizen handeln würde.

Was ist der Nutzen der Robbenjagd für die Menschen?
1) 2006 wurde mit der Jagd auf Sattelrobben $33 Millionen erzielt. Diese Summe repräsentiert 0,14% des Bruttosozialprodukts von Neufundland und Labrador. 2008 war der Erlös der Robbenjagd $12 Millionen, was 0,04% des Bruttosozialprodukts der Provinz in Kanada ausmachte. Nicht berücksichtigt sind in diesen Zahlen die hohen Kosten der Kanadischen Regierung, um die Robbenjagd zu bewerben und zu managen, sowie die Kosten, die 2010 für die WTO Klage gegen das EU Handelsverbot entstehen werden.

2) 2008 wurden für 6000 Leute Jagdlizenzen ausgestellt, was weniger als 0,75% der Bevölkerung der Provinz ausmacht, in der die Robbenjagd stattfindet. Kein einziger der Lizenznehmer ist Vollzeitjäger.

3) Ohne einen Markt für Pelz gäbe es keine Jagd. Luxuskleider haben einen niedrigeren moralischen Wert als Gebrauchskleidung. Kleidung aus Robbenfellen dienen hauptsächlich dem Luxusmarkt.

Wann sind die Interessen verschiedener Arten ausgeglichen?
Laut Ethikern ist auf diese Frage keine präzise Antwort möglich. Den Robben wird vorgeworfen, dass sie zu viele Fische fressen, die sonst von Menschen konsumiert würden. Sie werden auch dafür verwantwortlich gemacht, dass sich die Kabeljaubestände schlecht erholen, wenngleich die Robben kaum Kabeljau fressen.

Was sind die Kosten der Jagd für die Robben?
Der Tod. Die Lebenserwartung einer Sattelroppe wird auf 20 bis 25 Jahre geschätzt. Je jünger die Robbe das Leben verliert, um so grösser ist der Verlust für sie. Deshalb müssen die Kosten für eine getötete Jungrobbe höher angesiedelt werden als für ein erwachsenes Tier. Drei Viertel der jährlich getöteten Robben sind Jungtiere – kaum drei Wochen alt. Zusätzliches Leiden wird durch das Missachten von Tierschutzgesetzen verursacht, was bei rund 300’000 Tieren der Fall ist.

Sind die Europäer Heuchler weil sie ein Importverbot von Kanadischen Robbenprodukten erlassen haben?

Können sie ein reines Gewissen haben mit Gänsestopfleber und Produkten aus der Schweinemast auf dem Tisch? Ist das relevant? Eher nicht. Jeder Fall von Ausbeutung von Tiere hat seine eigene Gewichtung von Kosten und Nutzen.

Wir können nicht wie Neufundlands Leutnant-Gouverneur John Crosbie sagen: “Kühe werden getötet um Roastbeef zu produzieren. Die Robbenjagd ist nichts anderes.” Aber wie Dr. David Waltner-Toews vom Guelph Veterinary College können wir sagen “Jedes Tier hat das Recht auf ein art- und bedürfnisgerechtes Leben und einen raschen, humanen Tod, wenn dieser notwendig ist.”

Weiter zum Artikel von MICHAEL VALPY vom 8.2.2010 im Monday’s Globe and MailPublished

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