Der Traum ist Wirklichkeit geworden. Der Streifen «The Cove» («Die Bucht») hat in Hollywood den Oscar als bester Dokumentarfilm erhalten. Wir waren gerade an der kleinen Hatajiri-Bucht von Taiji, wo bisher jeden Herbst und Winter die grausamsten Delphinmassaker stattfanden, die man sich vorstellen kann. Wir, das sind Naoko, meine japanische Helferin (Name geändert) und ich. Diesmal aber ging es nicht darum, eine weitere Treibjagd und die brutale Tötung der empfindsamen, intelligenten Meeressäuger zu dokumentieren. Der Grund war weit erfreulicher: ein Interview mit der «Asahi Shimbun», der zweitgrößten Zeitung Japans (und damit der Welt)!
Das hat es bisher nicht gegeben. Unvoreingenommenes Interesse japanischer Presseleute an dem, was hier geschieht. Bislang haben die Medien hier fast eisern geschwiegen zur Delphinschlächterei und zur massiven Quecksilberverseuchung des Delphinfleisches, die in jedem anderen modernen Industrieland ein Lebensmittelskandal erster Güte wäre. Mal abgesehen von sporadischen, Kommentar-ähnlichen Beiträgen, die stets Position für die Delphinjäger bezogen und sich über den «Kulturimperialismus» der «westlichen Eindringlinge» beschwerten, war dazu kaum etwas zu lesen oder sehen.
«Also tatsächlich!»
So stand ich gerne Red und Antwort, genau an dem Ort, wo ich früher auch schon von Delphinjägern angegriffen und bedroht worden war. Die Hatajiri-Bucht liegt nur 300 Meter vom Hotel entfernt, wo wir neu einquartiert sind. Bis zum Interview-Termin hatten wir gebannt am Computer mit Internetanschluss gewartet, welcher Dokumentarfilm wohl den Oscar gewinnen würde. Das zog sich hin und wir gingen hinüber zur Bucht fürs Interview.
Plötzlich unterbrach die Fotografin wegen eines Handy-Anrufs. Dann blickte sie uns grinsend an: «’The Cove’ hat gerade den Oscar gewonnen!» Naoko und ich fielen uns spontan in die Arme. «Also tatsächlich!» Zuerst konnten wir es kaum fassen, obschon wir uns am Vortag noch gegenseitig bekräftigt hatten dass «Die Bucht» gewinnt. Das Timing hätte nicht besser sein können: Wir erfuhren vom Oscar genau an dem Ort, der diesem Film den Namen gegeben hat – und dem Buch, das ich gemeinsam mit Richard O’Barry verfasst habe.
Ärger für die Jäger
Ric O’Barry hat es also richtig vorausgesehen. Der Streifen hat diesen Oscar wirklich verdient. Doch dies ist nicht das Happy-End, sondern bloss ein glücklicher Moment im Ringen, das weitergeht. Im Ringen um die Beendigung der brutalen und absolut sinnlosen Delphinjagd in Japan. Jetzt aber können die japanischen Medien nicht weiter schweigen. Zu gross ist das Ereignis der Oscar-Verleihung für die Japaner. Sie werden sich wundern und Fragen stellen. Endlich werden sie sich frei eine eigene Meinung bilden können über etwas, wovon sie bislang nichts oder höchstens sehr einseitige Informationen erfahren durften.
Das wird den Delphinfängern von Taiji nicht gefallen. Mir aber schon. Denn ich bin überzeugt, dass eine Mehrheit der japanischen Bevölkerung dieses buchstäbliche Treiben ablehnt, wenn sie davon erfährt. Da werden auch pauschale Rechtfertigungskeulen wie «japanische Tradition» und «Kultur» nicht mehr ausreichen. Ric O’Barry bringt es im Film «Die Bucht» auf den Punkt: «Wie kann die Delphinjagd eine japanische ‚Kultur’ sein, wenn die Japaner nichts davon wissen?» Hans Peter Roth
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